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Von Zeit- und anderen Löchern

Heute, 27.06.2020, sitzen mein lieber Mann Christian und ich bei unserem Lieblingswirten „Apollonia“ in Aktio – und lassen uns mit einem üppigen griechischen und englischen Frühstück verwöhnen.

Wie kann das sein? 

Tja – es gibt das Phänomen der Zeitlöcher – und heute haben wir eines: Unsere schöne Freespirit bekommt einen neuen Unterwasseraufbau und wird im Moment Sand gestrahlt. Da sind wir nur im Weg, die Profis haben übernommen. Gestern sind die Schweißarbeiten abgeschlossen worden und alle Löcher sind wieder dicht beziehungsweise sind Borddurchlässe erneuert oder geschlossen worden. Geschenkte Zeit, die nicht abgeht – ein Zeitloch.

Und schon sind wir bei den anderen Löchern angelangt – Rostlöcher. Ein normaler Zustand, wenn Stahl der Witterung ausgesetzt ist. Nur nicht so ideal bei einem Stahlschiff. Daher war intensive Inspektion angesagt, zeitintensiv und Nervenaufreibend: Was werden wir entdecken?

Wir haben uns Zeit genommen, unsere Schönheit auf „Herz & Nieren“ zu prüfen, und unsere Nerven waren aus Stahl ;-). 

Christians magischem Hammer ist keine zu dünne Platte verborgen geblieben, keine Roststelle konnte sich verstecken. Ja, und so kommen Löcher ins Schiff. Nach anfänglichem Entsetzen auf meiner Seite und Erstaunen auf Seite Christians haben wir die verschiedenen Qualitäten von Rost kennen und auch einschätzen gelernt. Das hat mein Nervenkostüm wieder beruhigt und auch bei den Schweißarbeiten konnten wir die Außenhaut messen und was wir entdeckten, macht uns zusehens zuversichtlich.

Recherche und Tipps haben uns zu sehr gutem Stahlschutz, der in der professionellen Schifffahrt eingesetzt wird, geführt. Und wir wissen jetzt, wie wir zukünftig Innen- und Außenhaut behandeln werden, um den Stahl langfristig zu schützen. Ab nächster Woche werden weiterführende Projekte gestartet: Trinkwassersystem renoviert und neu angeschlossen, Bilgepumpen überholt, neues Navigationssystem installiert, Deckbereich über der Eigenkabine renoviert, neue Ankerwinde installiert, um unsere neue 120m Kette auch heben zu können und Elektroinstallationen revitalisiert, und was halt noch so anfällt zwischendurch. Ahja – und noch Segel- und Motorencheck! – Das alles in einem Monat, denn spätestens Ende Juli wollen die Tidls ins Wasser.

Ehrgeizig? Ja, mit Begeisterung!

Jetzt husche ich quasi durch ein Wurmloch und mache einen Zeitsprung – diesen liebe ich vor allem bei den Geschichten, die ich erzähle. Somit kann ich ungeniert an den Anfang unseres Tages springen:

Heute hat unser Tag mit dem Läuten des Weckers um 06:00 Uhr begonnen.

Nach einer guten Tasse starken Kaffees und den letzten Vorbereitungen haben wir auf das Abholkommando gewartet und einen schönen und ruhigen Morgen genossen. Unsere Katze war noch nicht mißtrauisch und schlenderte träge der Reling entlang, ließ sich beim Vorbeikommen von uns kraulen, um dann genüßlich ihren Weg fortzusetzen. Alles war friedlich, die Marina noch ruhig, der sanfte Morgenwind umspielte unsere Nasen, lächelnd starren wir Löcher in die Luft.

So war bereits zu diesem Zeitpunkt Kairos bei uns zu Gast, der uns den Tag ein lieber Begleiter ist.

Eine der schönen Seiten der griechischen Lebensart ist die Einstellung zu zwei Zeitqualitäten: Chronos und Kairos.

Wir in Mitteleuropa kennen Zeit als Taktgeber unseres Lebens – vergleichbar Chronos, der seine Kinder frisst – der unerbittliche Gang der Zeit in eine Richtung ohne Wiederkehr. Alle hecheln in diesem Rhythmus, der gefühlt immer schneller wird, und erkennen kein Innehalten, keine Pause, keine Möglichkeit, auszusteigen aus dem ewigen Rad der Zeit.

Kairos steht für die andere Qualität der Zeit: Die Qualität des richtigen Zeitpunkts, der Genuss des selben, das Aufgehen im Hier und Jetzt.

Um Kairos kennen lernen zu können, ist ein bewusstes Innehalten notwendig. Interessanterweise wendet uns oft eine Not zu dieser Chance. Wir halten meist erst dann still, wenn das Leben uns zu einer Pause zwingt. Und das wird als Bedrohung definiert und nicht als Chance: Was mache ich bloß mit dieser vergeudeten Zeit, wo ich soooo viel anderes noch zu tun habe!!!

Wenn wir bereits sehr ausgelaugt sind, nutzen wir dankbar diese Aus-Zeit, um uns ungescholten auszuschlafen und ohne schlechtem Gewissen ein bisschen zu regenerieren, um danach wieder mit Höchstleistung weiter zu „schaffen“.

Doch manchmal passiert das Wunder, das Kairos für uns bereit hält – in dem Moment lässt sich ein Spatz keine 2m von mir entfernt auf einem Ast nieder und zwitschert eine schöne Geschichte. Ich höre ihm und seiner Melodienvielfalt zu, seinem Gezwitscher mit anderen seiner Art und bin verzückt… Pause. Ein Geschenk des Lebens, ich wusste garnicht, dass Spatzen so viele unterschiedliche Melodien singen… und weg ist er, ich schreibe mit einem Lächeln weiter ;-):

Wir nehmen ein Buch in die Hand, das wir schon lange lesen wollten, wir erleben unsere Umgebung neu, da wir mit einem anderen Blick die Dinge betrachten, wir denken nach, was uns wirklich wichtig ist, wir misten aus, entscheiden, was noch Relevanz hat in unserem Leben und was nicht. – ein Akt der Befreiung, des leichter Werdens und der Glückseligkeit.

Kairos gibt uns die Möglichkeit, los zu lassen und dadurch zu Gelassenheit zu gelangen. Ein Zustand, den wir uns so oft wünschen, gerade in der Hektik des Alltags.

Doch Kairos kommt leise und sanft, er ist nicht so polternd wie Chronos, der uns fordernd vor sich hertreibt. Daher wird er oft nicht gehört und nicht gesehen, nicht gespürt und gefühlt.

Nur das Innehalten gibt uns die Möglichkeit, ihn wahrzunehmen und kennen zu lernen.

Heute ist für uns ein Kairostag – wir lassen uns auf den Fluß der Zeit ein und lassen uns überraschen, was der Tag bringt….

Im Moment sitzen wir noch in einem wunderschönen Gastgarten mitten im Grünen, Oleander blüht in sattem Rosa, Palmenblätter wehen sanft in der Mittagsbrise, langsam beginnt der Nachmittag eines Fauns. Christian überrascht mich mit einem Glas Sekt: „Alles Gute zum Hochzeitstag, Schatz“ – das Leben ist ein Fest!

Alles Liebe!

Jutta

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